TODD HAYNES, AMERICAN FILMMAKER

TODD HAYNES, AMERICAN FILMMAKER
Eine Filmschau

Ab 1. Juni 2024

Texte zu Todd Haynes und allen Filmen: Alexandra Seitz

"I have a lot of frustration with the insistence on content when people are talking about homosexuality. People define gay cinema solely by content: if there are gay characters in it, it’s a gay film […] Heterosexuality to me is a structure as much as content. It is an imposed structure that goes along with the patriarchal, dominant structure that constrains and defines society. If homosexuality is the opposite or the counter-sexual activity to that, then what kind of a structure would it be?" 
(Todd Haynes)


Verschwinden und Verbergen – Verkleidung und Verspiegelung – Wahrheit und Lüge – kenntlich gemacht mit den Mitteln theatralischen Erzählens. Gesten der Opulenz, in denen, überraschend unaufdringlich, ein existenzielles Pathos steckt. Im Kino des Todd Haynes geht es immer ums Ganze, weil es aus einer randständigen Perspektive gedreht ist, die diese Randständigkeit zugleich transzendiert. Soll heißen, dieses Kino schert sich nicht darum, dass jene, die es in den Blick nimmt, der Gesellschaft der Etablierten und Selbstgerechten als (bedauernswerte) Außenseiter (oder schlimmer) gelten. Erst recht nicht rückt es diese in den Fokus als Opfer, die sich in affirmativer Selbstminimierung freiwillig in die Ecke stellen, darum bemüht, möglichst wenig aufzufallen und höflich um etwas mehr (Gleichberechtigung vielleicht?) bitten. Anders gesagt, einen alten Sponti-Spruch abwandelnd: Todd Haynes will nicht die Hälfte vom Kuchen, ihm gehört die Bäckerei.

Todd Haynes wird am 2. Januar 1961 in Los Angeles in mittelständischen Verhältnissen geboren und studiert Kunst und Semiotik an der Brown University und am Bard College. Während des Studiums lernt er Christine Vachon kennen, die als Produzentin all seiner Langfilme fungieren wird; sie gehört zu einem Stamm regelmäßiger Kollaborateur:innen, denen auch Kameramann Edward Lachman und Kostümdesignerin Sandy Powell (sowie Schauspielerin Julianne Moore) zuzuzählen sind.

Noch zu Studienzeiten entsteht 1987 der Kurzfilm SUPERSTAR: THE KAREN CARPENTER STORY, in dem Haynes mittels Barbie-Puppen das elende, Anorexie- und Tablettensucht-verschuldete Sterben der Pop-Musikerin Karen Carpenter schildert; aufgrund rechtlicher Auseinandersetzungen unterliegt der Film einem öffentlichen Aufführungsverbot (mit etwas Glück ist er hin und wieder auf Youtube zu erwischen). Einen weiteren Aufruhr verursacht Haynes ein paar Jahre später mit seinem Spielfilmdebüt, dessen tabubefreiter Umgang mit schwuler Sexualität konservative und religiöse Kreise sich empören lässt, wie so oft, ohne den Film zuvor gesehen zu haben.

Haynes lässt sich nicht beirren. Mittlerweile nach New York City übersiedelt, engagiert er sich mit der Gründung einer Produktionsfirma für den Independent Film und fungiert unter anderem als (ausführender) Produzent der Arbeiten von Autorenfilmerin Kelly Reichardt. Seine eigene Karriere nimmt rasch an Fahrt auf; er erweist sich als virtuoser Erneuerer des Künstlerporträts ebenso wie als behutsamer Modernisierer von Genre-Konventionen insbesondere des Melodrams – beispielsweise mit dem 2011 entstandenen Remake des Joan Crawford-Klassikers MILDRED PIERCE (Michael Curtiz, 1945) als Mini-TV-Serie mit Kate Winslet in der Titelrolle.

Manche kritisieren an Haynes einen allzu akademischen Umgang mit Erzählstoffen und filmischen Mitteln, andere sehen gerade in seinem intellektuellen Zugriff seine besondere Qualität als Gegenwartsregisseur. Fakt ist: Todd Haynes widmet seine Arbeit der Erforschung, Erweiterung und Etablierung einer Ästhetik, die weder die konventionelle Geschlechterordnung bedient noch dem herrschenden kapitalistischen System in die Hände arbeitet noch ein Weltbild bestätigt, das im Binären wurzelt: Gut oder Böse, Schwarz oder Weiß, Mann oder Frau. So einfach geht es im kinematografischen Universum von Todd Haynes nicht zu. Dort heißen (dem Filmkritiker David Rooney zufolge) die Paarungen vielmehr: Selbstwahrnehmung und Außendarstellung, Identität und Ambivalenz, Authentizität und Rollenspiel, soziale Norm und sexuelle Abweichung. Die Beziehungen, die sich aus und zwischen diesen Begriffen ergeben, sind notwendigerweise etwas komplexer als ein Sack Popcorn und ein Eimer Cola.

Folgerichtig, dass Haynes inzwischen mit seinem Partner in Portland, Oregon, lebt – mithin einem Bundesstaat, der sich in den vergangenen Jahrzehnten einen gewissen Ruf als Heimat nonkonformistischer Lebensentwürfe erarbeitet hat. Sicher kein Paradies, aber bestimmt ein guter Ort für eine Bäckerei.

Feminist theory has left an indelible mark on my own critical - and creative - thinking... For me, everything I questioned about what it meant to be a man – and how much my sexuality would perpetually challenge those meanings - could be found in arguments posed by feminists. What can I say? I identified.
Todd Haynes

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