Teil der Special Reihe NACHTBLENDE
Termine* Normalpreis € 10,50.-
* Kino von Welt Abos gültig
* nonstop Kinoabo gültig
„With every Philippe Grandrieux film I see I become more amazed he isn't talked about more.“
evilbjork on Letterboxd
Ein Opening für die Filmgeschichtsbücher, eine intellektuelle Reflexion über Voyeurismus und eine sich durchziehende, konstant beklemmende Atmosphäre. Philippe Grandrieuxs SOMBRE ist langsames, uneindeutiges, visuell wie thematisch verwaschenes Verstörungskino und ganz unabhängig vom jeweiligen Werturteil: ein Unikat.
Kinder in einem Saal, die nach vorne schauen, lachen und schreien. Auf eine Leinwand? Ein Puppentheater? Wir wissen es nicht. Doch was sich überträgt, ist eine Lust an der Angst, ein Spaß am Fürchten aus der privilegierten und sicheren Position im Publikum heraus. Auch der Protagonist des restlichen Films, ein Vergewaltiger und Mörder von Sexarbeiterinnen in der französischen Einöde, gespielt von Marc Barbé, ist ein Beobachter, insbesondere schaut er auf seine Opfer, bevor er sie malträtiert. Schon bevor sich die Gewalt zuspitzt, werden die vulnerablen Körper unter seinem Blick zu Objekten. Dann begegnet er bei strömendem Regen Claire (wie immer fantastisch: Elina Löwensohn), die gerade einen Unfall gehabt hat und einen Teil des Weges mit ihm gehen wird…
Serial killers, much like abattoirs, are pretty well exhausted as metaphor, but Grandrieux’s SOMBRE (1998) attempts something new: a disorienting plunge into the consciousness of a compulsive rapist/murderer.
Das Versprechen der Angstlust, das der Film am Anfang anhand der Kinder aufstellt, löst Grandrieux bei seinem Publikum nicht ein. SOMBRE ist ein Film über Sex, Gewalt und nicht zuletzt sexualisierte Gewalt, aber weit davon entfernt, dies als „Schauwerte“ auszubeuten.
Mit dunklen, scheinbar ohne Kunstlicht eingefangenen Bildern, der wackeligen Handkamera, den schnellen Schnitten und vielen Nahaufnahmen entwickelt der Film seine eigene, schwer verständliche Sprache. Ein uneindeutiger Film, so unscharf wie seine Bilder, eine verwaschene Provokation, geschrieben von Sophie Fillières und u.a. mit Coralie Trinh Thi besetzt, also jener französischen Pornodarstellerin, die wir etwa als Co-Autorin und -Regisseurin des anderen New French Extremity Films BAISE-MOI kennen (der 2025 bereits bei der Nachtblende zu sehen war).
Bei Grandrieux sind es nicht der gnadenlos offene Umgang mit (meist emotionsloser) Sexualität oder die extrem harte Brutalität, die sein Spielfilmdebüt prägen. Zwar sind entsprechende Szenen auch in SOMBRE (auch bekannt als DUNKLE TRIEBE) vorhanden, doch im Gegensatz zu den meisten anderen Filmen des neuen französischen Körperkinos, die jene Momente sehr explizit und ausführlich zeigen, erfolgt die Inszenierung des Sexuellen und der Gewalt eher beiläufig und lässt kaum etwas erkennen. Und das ist genau der Punkt, der das Extreme an SOMBRE ausmacht: der Umgang mit dem Filmkörper, also mit der Materialität des Mediums selbst, der die gewohnte Rezeptionshaltung des Zuschauers mehr als nur zu verunsichern vermag.
