Teil der Special Reihe FEMINIST FRAMES
Nach dem Film Gespräch mit Moderatorin und Schauspielerin Miriam Hie
Nach dem Film spricht Kuratorin Julia Pühringer mit Moderatorin und Schauspielerin Miriam Hie.
Miriam Hie begann ihre Karriere als Moderatorin für den ORF und Servus TV, moderiert für Radio Superfly. Sie stand mit ihrem Solo-Kabarettprogramm „Who is Hie“ auf der Bühne, spielt u.a. in „Vienna Blood“ und „SOKO Linz“.
Mit der ORF-Dokumentation „RAPublik – Hip Hop Stories aus Österreich“ gab sie 2025 ihr Regie-Debüt.
Nicht erst seit #metoo 2017 sprechen Frauen aus der Branche darüber, wie misogyn die Filmbranche ist und wie frauenfeindlich ihre Drehbücher. Die Interviews, die Delphine Seyrig 1976 mit ihren Kolleginnen geführt hat - darüber, wie es sich anfühlt, Schauspielerin zu sein mit der Hauptanforderung „schön sein und die Goschen halten“, darüber, welche Rollen man zu spielen bekommt in welchem Alter, auch mit welcher Hautfarbe, darüber, wie sich Produzenten benehmen und Regisseure, darüber, ob sich das ausgeht, Familie und Schauspielen - sind lange her und wie von heute.
Schauspielerin und Aktivistin Jane Fonda, Shirley MacLaine, Maria Schneider, Kolleginnen wie Ellen Burstyn, Cindy Williams, Rita Renoir, Viva, Candy Clark, Barbara Steele, Patti D'Arbanville, Louise Fletcher (she of „Nurse Ratched“-Fame), Juliet Berto, Jenny Agutter, Maidie Norman, Jill Clayburgh sprechen über ihre Arbeitserfahrungen, über Geld, über Abhängigkeiten, über die erzwungene völlige optische Veränderung des Selbst im Auftrag eines Studios, über das unfassbar fade Material, das man zu spielen bekommt, die doppelt so alten Spielpartner.
„Ich spiele nur Schizophrene, Lesbierinnen, Verrückte, Mörderinnen“, erzählt Maria Schneider. Fonda erzählt davon, dass es als lesbische Liebesgeschichte wahrgenommen wurde, nur weil sie in JULIA mit Vanessa Redgrave spielte.
“I haven’t done anything for a long time that I liked at all, you see. […] I get incredibly angry and humiliated at the work that I have done, you know. Absolutely. I feel so exploited and reduced”, sagt eine Protagonistin.
Es sind Geschichten von Ausbeutung, Selbstentfremdung und völliger Vereinzelung, denen dieser Film mit seiner reinen Existenz das Verbindende, das Gemeinsame, die Solidarität entgegenstellt. Hier können Frauen sprechen, ohne Dinge beschönigen zu müssen. Eine Doku, wie sie nur aus der Frauenbewegung entstehen kann – und die klar zeigt, wie radikal dieser Akt auch heute noch ist, wenn Frauen die Wahrheit aussprechen können und ihnen zugehört wird.
Anderen Frauen zuhören, mit ihnen sprechen … ich könnte nicht leben, wenn ich das nicht hätte.
Schauspielerin Delphine Seyrig kennen wir heute vor allem für eine ihrer großen Rollen, jener in Chantal Akermans „JEANNE DIELMAN, 23 QUAI DU COMMERCE, 1080 BRUXELLES“, 2022 bei der „Sight & Sound“-Umfrage erstmals als Film einer Regisseurin zum „Besten Film aller Zeiten" gewählt. Darin spielt Seyrig eine Hausfrau, die sich nebenbei prostituiert; die männliche Kritik fand einst die Darstellung der Hausarbeit fad und ging wohl auch mit dem sehr befriedigenden tödlich-stillen Ende des Films nicht so wirklich d’accord.
Es muss sich auch verstörend angefühlt haben, nach Delphine Seyrig, „la divine“, die Göttliche, die schöne Schauspielerin aus LETZTES JAHR IN MARIENBAD, GERAUBTE KÜSSE, aus DER DISKRETE CHARME DER BOURGEOISIE und DER SCHAKAL. Die 1932 im Libanon geborene Seyrig war Intellektuellenkind, verbrachte ihre Kindheit im Mittleren Osten genauso wie in den USA, wo sie Kurse am Actors Studio belegte. Sie spielte in Robert Franks PULL MY DAISY (USA 1959), in den 1960er und 1970er Jahren wirkte sie in Filmen von Alain Resnais, François Truffaut, Luis Buñuel, Jacques Demy und Chantal Akerman mit, drehte mit Duras und Ottinger.
Seyrig war auch: Wichtige Protagonistin der französischen Frauenbewegung, bekannte Aktivistin, kämpfte für das Recht auf Schwangerschaftsabbruch, gegen Rassismus und für Einkommensgerechtigkeit, war Mitglied des feministischen Videokollektives „Les Insoumuses“ („Die widerständigen Musen“), Mitbegründerin und bis zu ihrem Tod auch Präsidentin des „Centre audiovisuel Simone de Beauvoir“. Das Ziel der Institution: Geschichten von Frauen zu sammeln, damit die Frauen der Zukunft Vorbilder haben können.
Seyrig lernte bei Carole Roussopoulos, die über 100 Filme drehte , u.a. auch über Palästinensische Flüchtlingslager, die „Black Panther“-Bewegung und den Widerstand von Sexarbeiterinnen, sie unterrichtete in Algerien und im Kongo. Gemeinsam verfilmten sie Valerie Solanas‘ „S.C.U.M. Manifesto“ und drehten (mit Roussopoulos an der Kamera) SOIS BELLE ET TAIS-TOI!.
