Teil der Special Reihe FEMINIST FRAMES
Nach dem Film Gespräch mit Kuratorin Djamila Grandits
Polly (Sheila McCarthy) arbeitet als Sekretärin für eine Zeitarbeitsfirma – sie lebt allein und liebt es, in ihrer Freizeit zu fotografieren. Manchmal träumt sie davon, fliegen zu können. Ihr nächster Sekretariatsjob führt sie in die Galerie von Gabrielle St. Peres (Paule Baillargeon). Frankokanadierin Gabrielle ist alles, was Polly nicht ist: Elegant, weltgewandt, von ausgesuchtem Stil, Expertin in ihrem Fach.
Polly fühlt sich zu Gabrielle hingezogen, versucht sich für sie in einer gehobeneren Sprache und scheitert ununterbrochen (sehr komisch) daran, sich in Gabrielles Welt zurechtzufinden, deren Spielregeln sie nicht kennt – siehe die vermutlich beste Tintenfisch-Szene in einem Film, lange vor OLDBOY.
Eines Tages taucht die junge Künstlerin Mary (Ann-Marie MacDonald) auf, und Polly wird klar, dass es sich um Gabrielles frühere Geliebte handelt, mit der sie die Beziehung wieder aufnimmt. Als Polly Gabrielle einige ihrer Fotografien zeigt, kränkt Gabrielles Reaktion sie sehr. Zudem erkennt Polly wenig später, dass Gabrielle in der Galerie betrügerisch handelt. Es kommt zum Eklat - und doch ist ein wichtiger Schritt in Pollys eigene Zukunft gemacht.
A feminist fairy tale masquerading as a satire. {...} A smashing commercial directorial debut!
Regisseurin Patricia Rozema wollte nach ihrem ersten Kurzfilm über eine erfolgreiche Karrierefrau eine nicht so erfolgreiche Frau ins Zentrum ihres ersten Langfilms stellen, eine Person, die „unter dem Radar von allen anderen lebt“; sie wollte einen antiautoritären Film machen.
Rozema stellt die Kunstproduktion ins Zentrum ihres Films genauso wie die Selbstdokumentation: In selbst aufgenommenen Videos spricht die Heldin über ihre Unsicherheiten und Gefühle; mit großer Ernsthaftigkeit und feiner Ironie lässt sie Raum für ihre eigene Wahrnehmung der Geschichte; und mit dem Durchbruch der Vierten Wand holt sie sich jene Deutungshoheit über die Geschehnisse, die sonst zumeist nur männlichen Filmhelden zugestanden wird. Sogar Siskel & Ebert zeigten sich in ihrer legendären Filmkritik-Sendung als Fans der ungewöhnlichen Erzählung.
Patricia Rozema, Kanadierin und neben Regisseurin auch Drehbuchautorin, finanzierte ihren Film mit damals vielen neu eingeführten Filmförderungen, gedreht wurde ein Monat lang in Toronto. Ein Einreichformular für das Filmfestival von Cannes füllte Rozema auch gleich aus. Das Resultat: Standing Ovations von 2000 Besucher:innen und ein Nachwuchspreis. „It was really moving to have a film responded to that profoundly, that universally. I thought I was more alone in the world and to find out that so many other people could laugh and cry in the same way, somehow made me feel more connected to my species”, erzählte Rozema später. Filmverleihe überboten sich, nach Cannes wurde der Film in über 32 Länder verkauft und hatte so seine Produktionskosten eingespielt, bevor er regulär im Kino anlief, das Filmfestival in Toronto eröffnete und weltweit über zehn Millionen Dollar einspielte.
Später drehte sie u.a. das Drama THE WHITE ROOM (1990), die Liebesgeschichte WHEN NIGHT IS FALLING (1995), die Jane-Austen-Verfilmung MANSFIELD PARK (1999) und das Survival-Drama INTO THE FOREST (2015) mit Elliot Page und Evan Rachel Wood. Sie schrieb das Drehbuch für den TV-Film GREY GARDENS (2009) mit Drew Barrymore und Jessica Lang als Little und Big Edie Bouvier, und führte Regie bei Folgen der Serien „In Treatment“, „Mozart in the Jungle“ und „Anne with an E“.
Trotz der Kritik, dass Rozema das Thema „lesbische Liebe“ nicht wirklich deutlich erzählte, gilt I’VE HEARD THE MERMAIDS SINGING inzwischen als „Queer Film Classic“. „I knew I wanted to have a gay element in it", so Rozema, "a queer element, it wouldn't have been called queer at the time, but I had to kind of hide that, to put sugar on the pill, because 1987 that wasn’t what people were doing”.
I had this list of my ten top film makers, when I was just starting out, and there was not one woman on that list - and it never crossed my mind that that was unusual.
Nach dem Film Gespräch mit Djamila Grandits
Djamila Grandits ist eine in Wien lebende Kuratorin, Teil von CineCollective und D—Arts. Sie ist Teil der Vorauswahl von Berlinale Panorama und war bis vor kurzem Mitglied der Non-Fiction Kommission der Zürcher Filmstiftung. Zuvor Programmarbeit für Diagonale, DOK Leipzig, Kasseler Dokfest, frameout, sixpackfilm und tricky women - tricky realities. Ihre Praxis ist verankert in Neugier und Fürsorge für Kinokulturen, Medienpraktiken, kollektive und spekulative kuratorische Bewegungen.
