Teil der Special Reihe IT'S STILL REAL TO ME, DAMN IT!
Wrestling ist in seinem Setup nicht selten eine binäre Angelegenheit: Superheld gegen Superbösewicht, wir gegen die, Gut gegen Böse. Im mexikanischen Lucha Libre heißen die Helden „Tecnicos“ (wegen ihrer fairen Technik-Treue) und die Bösewichte „Rudos“ (wie rau, grob oder derb). Aber im Gegensatz zum US-Wrestling gibt es hier noch einen dritten Pol: jenen der „Exóticos“, eine wortwörtlich nichtbinäre Kategorie, die einen Aspekt des Wrestling-Narrativs an der Oberfläche holt, der Wrestling unter der Oberfläche seit jeher ausmacht: Queerness und Drag.
Exóticos sind eine selbstbewusste Jubelfeier all dessen, was queer-gecodete Figuren von Gorgeous George bis Goldust nur streiften. Und kein Exótico ist berühmter als Cassandro. Dem jüngeren nicht-mexikanischen Wrestling-Publikum bekannt durch seine Teilnahme an der „Clusterfuck Battle Royal“ und dem Ballroom/Wrestling-Hybridevent „EFFY’s Bug Gay Brunch“, lässt sich Cassandro hier durch sein Leben als Performer begleiten und geht dabei fast schon rituell durch die ganze Palette an Wrestling-Biografie-Momenten: Glam und Alltag, Heldentum und (Body-)Horror, Ego und Selbstaufgabe, immer auf der Suche nach der ungebrochenen Fabelhaftigkeit zwischen den Extremen.
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Bereits 15 Jahre vor Cassandros Debüt fochten am anderen Ende der Welt andere Wrestler einen sehr ähnlichen Kampf — allen voran die queere Wrestling-Ikonie Adrian Street, der ausgerechnet im grauen England der frühen 1970er seine Drag-Identität ausprobieren und zur Schau stellen musste. Unser Vorfilm So Many Ways to Hurt You von Jeremy Deller zeigt in eindrucksvollen Momenten das Leben und den Kampf von Adrian Street. Eine der wichtigsten Dokus zum Thema. (32’)
This film is a diverting study of Cassandro's belief in himself as a dramatic, suffering character, in art as in life.
