Teil der Special Reihe FEMINIST FRAMES
Nach dem Film Gespräch mit tbd
Termine* Normalpreis € 10,50.-
* Kino von Welt Abos gültig
* nonstop Kinoabo gültig
Katja von Garniers Kultfilm aus 1997: Katja Riemann, Jasmin Tabatabai, Nicolette Krebitz und Jutta Hoffmann wurden als Gefängnisausbrecherinnen und Chartstürmerinnen zu den Outlaws der Herzen – beim Publikum. Die männlich dominierte deutschsprachige Filmkritik vertrug den genialen Mainstreamwurf einer jungen Regisseurin ganz schlecht.
Sängerin und Gitarristin Luna (Jasmin Tabatabai) ist der Punk der Gefängnisband – auf Ungerechtigkeit reagiert sie mit körperlicher Gewalt, sie sitzt wegen Raub und Körperverletzung. Bassistin Angel (Nicolette Krebitz) ist sweet und naiv, hat es aber als jugendliche Heiratsschwindlerin faustdick hinter den Ohren. Marie (Jutta Hoffmann) am Piano hat ihren Mann vergiftet. Sie ist manchmal etwas verwirrt. Die geheimnisvolle Emma (Katja Riemann) spielt verdammt gut Schlagzeug und ist die personifizierte Coolness (sie kommt vom Jazz). Auch ihr Mann ist tot. Aus Gründen.
Die Innensenatorin hat ein Rehabilitationsprogramm entwickelt – deshalb spielen die vier Heldinnen gemeinsam in dieser Band. „Bandits“ nennen sie sich. Gleich der erste Auftritt am Polizeiball scheitert an Lunas Sinn für Gerechtigkeit beziehungsweise einem widerlich sexistischen Wachmann (August Schmölzer). Und schon sind die Bandits auf der Flucht quer durch Deutschland.
Kommissar Schwarz (Hannes Jaenicke) schwört, er wird die Vier zurück ins Gefängnis bringen, bevor er den letzten Zigarillo in der Schachtel geraucht hat, mit Kollegin Ludwig (Andrea Sawatzki) heftet er sich an die Fersen des kriminell guten Quartetts. Die vier Frauen haben nur ein Ziel: Sie wollen in Hamburg an Bord eines Schiffs gehen und so unerkannt fliehen. Als sie beginnen, Interviews zu geben und ihre Musik in den Charts nach oben klettert, wird ihr neuer Ruhm zur Falle – auch eine sich mehr oder weniger freiwillig bei einem Spontan-Gig zur Verfügung stellende Geisel (Model Werner Schreyer) verkompliziert die zunehmend fragile Gruppendynamik.
Wer illegal verreisen will, braucht Geld: Also holen sich die Bandits Kohle vom Musikproduzenten, der ihre Musik vermarktet – inzwischen zieren die vier Ausbrecherköniginnen nämlich schon Plakate in allen Städten. Und Kommissar Schwarz will keine Gefangenen nehmen …
Das Resultat: Fast eine Million Zuschauer*innen und ein Einspielergebnis von 10 Millionen DM allein in Deutschland, bereits 1997 wurden 250.000 Soundtracks verkauft, gesamt wurden es ca. 700.000 – der erfolgreichste deutsche Soundtrack aller Zeiten (viele Songs stammen von Jasmin Tabatabai). Regisseurin Katja von Garnier war nach dem Erfolg ihres 55-Minüters „Abgeschminkt“ 1993 (Student Academy Award 1994) ein Riesenwurf gelungen, zahlreiche junge Frauen gründeten Bands, konnten die Songs und die Dialoge auswendig. Der Genremix zwischen Ausbrecherinnenfilm und Musikfilm im Stil aktueller Musikvideos traf den Zeitgeist – etwas, das man dem Film absurderweise vorwarf. Von Garnier sagt auch später noch voll Stolz: „Jeder Frame im Film ist genauso, wie er gewollt ist. Nichts daran ist ein Kompromiss.“
Wieso Journalisten auf den Film so hasserfüllt reagierten? Eine Vermutung liegt nahe: BANDITS erzählt aus Frauenperspektive über Frauenfiguren, zeigt ihren Blick auf die Welt, und die Männer, lange bevor sich die Existenz des Begriffes „female gaze“ in Deutschland herumgesprochen hatte. Vier Frauen, die zusammenhalten, waren im Kino vor und hinter der Kamera ein radikaler Akt. „Damit haben wir nicht gerechnet. Wir waren so unverschämt, unbewusst, uns den Platz zu nehmen, und so einen Film zu machen. Und das hat die Leute wahnsinnig provoziert“, sagte Nicolette Krebitz im Interview. Katja von Garnier: „Was Frauenfiguren angeht, bin ich auch aus dem Leben sehr beeinflusst. ABGESCHMINKT, 1,1 Millionen Zuschauer, der Film vor BANDITS, entstand dadurch, dass ich mit meinen Freundinnen so wahnsinnig viel Spaß gehabt habe, vor allem, wenn's um Jungs ging. Das hat sich aber null in der Kultur widergespiegelt. Europäisches Kino war, was Frauenfiguren betrifft, sehr schwer, sehr heavy. Nicht so cool. Und ich hab es um mich rum einfach komplett anders erlebt. Und das wollte ich abbilden.“
Die Erfolgsgeschichte von BANDITS machte sie zur Filmemacherin in den USA: IRON JAWED ANGELS (2004) erzählt die Geschichte von Frauenrechtlerin Alice Paul mit Hilary Swank in der Hauptrolle und zig weiteren Stars an Bord, von Anjelica Huston, Margo Martindale, Julia Ormond, Molly Parker bis Patrick Dempsey, der Film wurde 2005 für den Golden Globe als bester TV-Film nominiert.
Nicolette Krebitz schreibt sich mit ihren Filmen wie „Wild“ und „A E I O U – Das schnelle Alphabet der Liebe“ ihre wilden Protagonistinnen, wie sie sie haben will, ebenfalls selbst. „Uns alle hat das damals total ermächtigt, im Nachhinein. Ohne, dass wir es wussten“, sagt sie über BANDITS – das Rockmärchen mit Mut, Wut, Witz und Herzblut in jeder einzelnen Einstellung. Was für ein Wiedersehen.
(Text: Julia Pühringer)
Der neue Tiefpunkt des neuen gesamtdeutschen Komödienwunders.
